150. Stiftungsfest – Empfang seiner Magnifizenz, des Herrn Rektor der Technischen Universität Graz, O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Hans Sünkel

Begrüßungsrede anläßlich des Empfangs und Festaktes durch seine Magnifizenz O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Hans Sünkel, Rektor der Technischen Universität Graz.

Hohe Festversammlung,
meine lieben Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren !

Es ist für mich eine besondere Freude und Ehre zugleich, Sie im Hause TU Graz herzlich begrüßen zu dürfen. Die Geschichte des Akademischen Corps Joannea ist auch ein Teil der Geschichte der TU Graz.

1. Geschichte

Wenn unsere Technische Universität Graz in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen feierlich begeht und sich auch ihrer Vergangenheit besinnt, dann steht eine Persönlichkeit im Zentrum des Geschehens, der diese Institution letztlich ihre Existenz verdankt: Erzherzog Johann. Und wenn Ihr Akademisches Corps Joannea in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiert, dann gedenken Sie derselben Person als Namensgeber Ihres Corps: Erzherzog Johann von Österreich.

Meine Damen und Herren, Erzherzog Johann hatte schon früh erkannt, dass die beste Investition in die Zukunft einer jeden Gesellschaft die Bildung ihrer Jugend ist. Und ihm war ebenso bewusst, dass Fortschritt mit nachhaltiger Wirkung eben Forschung braucht. Mit der Begründung des Joanneums hat er unserem Land Zukunft geschenkt, und die TU Graz in ihrer heutigen Ausprägung ist eine Antwort auf seine steirische Vision. Ja, meine Damen und Herren, gute Ideen kommen in der Tat häufig aus der Provinz und gar nicht so oft aus der Metropole.

Er hat dem Land ein neues Selbstvertrauen gegeben und ihm Sinn geboten. Er hat erkannt, dass Armut eine ganz besonders schlimme Form der Diktatur ist. Den Mut in beide Hände zu nehmen, hat er seiner Bevölkerung anempfohlen, auf Probleme zuzugehen und ihnen gar nicht erst die Gelegenheit zu geben, so richtig erwachsen zu werden. Und dass er als Mitglied des Kaiserhauses die Einfachheit als Resultat der Reife erkannt und die Bescheidenheit nicht nur gepredigt, sondern vielmehr gelebt hat, das macht ihn in hohem Maße glaubwürdig und sympathisch gleichermaßen.

Am Rock des jeweils Mächtigen zu kuscheln, war seine Sache sicher nicht und sollte unsere wohl auch nicht sein. Er hat seine Fäuste nicht geballt, um die Macht in Händen zu halten. Mut nach oben hin hat er mannigfach bewiesen, und die Wut nach unten hin wohl nie gekannt.

2. TU Graz

Erzherzog Johann war seiner Zeit gedanklich vorausgeeilt, er hatte aber gleichzeitig
auch die hinter ihm liegende Zeit verstanden und sich mit großem Engagement auch den aktuellen Problemen der Gegenwart zugewandt. Stillstand in einem wirtschaftlich unterentwickelten und intellektuell rückständigen Land fand er vor. Und dass Stillstand in Wahrheit Rückschritt bedeutet, ist durchaus keine Erkenntnis unserer Tage. Erzherzog Johann war absolut bewußt, dass sich viel wird ändern müssen, wenn es besser werden soll.

Seine feste Absicht war es daher, die Ausbildung der Jugend unseres Landes maßgeblich zu fördern, denn Ausbildung verhindert letztlich Einbildung. Und zum Zwecke dieser seiner Bildungsoffensive bedeutete es für ihn ein Gebot der Stunde, die jeweils besten Köpfe ins Land zu holen.

In seiner Schenkungsurkunde an den Steirischen Landtag im Jahr 1811 hält Erzherzog Johann ausdrücklich fest, dass ihm die Verbreitung der Geistesbildung im Vaterlande ein besonderes Anliegen ist und für ihn die Vermittlung gründlicher Kenntnisse stets Vorrang vor Vielwisserei hat. In diesen seinen Aussagen bildet sich das in knappen Worten ab, was wir heute mit Fokussieren auf das wirklich Wesentliche meinen, wissenschaftlichen Tiefgang zu entwickeln, den Mut zur Lücke bewußt zu praktizieren und rasch vergänglichem Wissen keine allzu große Bedeutung beizumessen, ganz im Sinne von Johann Wolfgang von Goethe, der da meinte „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.“

Die TU Graz ist sich Ihres Gründers in Dankbarkeit bewusst und dekoriert sich auch gerne mit dem Beinamen „Erzherzog Johann Universität“. Und wenn in dieser ehrwürdigen Aula unserer Universität die Büste Ihres Gründers einen vornehmen Platz einnimmt, so ist dies Ausdruck der Referenz der TU Graz gegenüber Erzherzog Johann und gleichzeitig ein Bekenntnis zu seinen Zielen, die auch unsere geworden sind. Die TU Graz hat gelernt, global zu denken, aber lokal zu handeln und dem Land und seinen Menschen verbunden zu bleiben. Und sie hat erfahren, dass ein konstruktives Miteinander allemal klüger ist als ein achtloses Nebeneinander oder gar ein destruktives Gegeneinander.

Und das nun gelebte Selbstbewusstsein unserer Alma Mater ist getragen von den erstaunlichen Erfolgen der Vergangenheit und den beachtenswerten und wohl auch viel beachteten Leistungen ihrer fähigen und ebenso engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gegenwart. Dieser aufrechte Gang der TU Graz ist aber auch ein unverkennbarer Ausdruck der derzeit beobachteten außerordentlich dynamischen Entwicklung unserer Erzherzog-Johann-Universität und ihrem unablässigen Streben nach dem jeweils Besten – ganz im Sinne seines Wegbereiters.

Meine Damen und Herren, unser Land Steiermark hat während der vergangenen 200 Jahre zahlreiche Höhen, aber auch Tiefen durchlebt. Erzherzog Johanns Vision hat das Land jedoch stets gleichsam als Leitmotiv begleitet – ja mehr noch – als Trägerwelle getragen. Seine Bildungsoffensive hat erstaunliche Früchte hervorgebracht, so dass wir heute eine akademische Bildungslandschaft vorfinden, die einen Vergleich mit anderen europäischen Regionen wahrlich nicht zu scheuen braucht.

Und wenn unser Bundesland heute mit berechtigtem Stolz verkünden kann, unangefochten das Forschungsland Nummer 1 in Österreich zu sein und die Nummer 2 unter allen Regionen Europas (knapp hinter Baden-Württemberg), dann ist das Ausdruck einer konsequenten Umsetzung der Visionen unseres großen Visionärs und wohl auch ein erhebliches Verdienst dieser unserer TU Graz.

Ja, wir haben in der Tat Grund zur Freude über die beachtlichen Leistungen unseres Landes in den Bereichen Bildung und Forschung, aber auch zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung einen Beitrag leisten zu dürfen. Und die TU Graz von heute ist das Ergebnis seiner Gedanken und Zielvorstellungen vor mehr als 150 Jahren.

Meine Damen und Herren, die TU Graz lebt heute nicht nur am Puls von Raum und Zeit, sie bestimmt diesen vielmehr maßgeblich mit. Wie Erzherzog Johann vor mehr als 150 Jahren dem Land seine Visionen geschenkt hat und unsere Steiermark mit seinen zahlreichen Initiativen mit großer Nachhaltigkeit auf eine völlig neue qualitative Ebene gehoben hat, so wollen und müssen auch wir diese Treppe der Qualifikation betreten. Wir setzen unsere Schritte gut vorbereitet, mit gewachsenem Selbstvertrauen, mit Zuversicht und in der Hoffnung, dass das Glück den vorbereiteten Geist auch tatsächlich bevorzugt.

Und den 200-jährigen Geburtstag unserer TU Graz in diesem Jahr nehmen wir zum würdigen Anlass, um unsere Erzherzog Johann Universität als moderne Bildungs- und Forschungseinrichtung mit Exzellenzanspruch und ausgeprägt europäischem Profil der internationalen Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine Technische Universität, fest verankert in unserer Gesellschaft. Eine Universität, die sich den Problemen der Gegenwart konsequent annimmt und die Zukunft ebenso verantwortungsvoll gestaltet.

Meine Damen und Herren, kritische Zungen behaupten, dass gestern die Taille schlank war und das Denken stark. Heute dagegen ist es oft umgekehrt: starke Taille, schlankes Denken. Dass sich in dieser Beobachtung schon ein Körnchen Wahrheit wiederfindet, das demonstrieren eindrucksvoll die Angebote auf diversen Fernsehkanälen und auch die wertlosen Beiträge in so manch glänzenden Journalen. Ja, meine Damen und Herren, Werte wortlos zu leben erschiene mir doch sehr viel besser als wertlose Worte lautstark zu verkünden.

Wir an den Universitäten jedenfalls sind bemüht, das Denken zu fördern. Und eine Universität ist gut beraten, unabhängig vom jeweiligen Grad ihrer Autonomie, auch unterschiedlichen Meinungen Heimat zu bieten. Karl Kraus hat sich dazu sehr treffend geäußert: „Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.“

3. Akademisches Corps Joannea

Meine Herren, Ihr Akademisches Corps Joannea hat ebenso ganz bewusst Erzherzog Johann als Namensgeber auserkoren. Und Ihr Wahlspruch „Heimat, Ehre, Burschenwohl“ ist gleichsam die Trägerwelle Ihres nachhaltigen Tuns seit 150 Jahren.

Ihr Corps ist eine intensiv gelebte Verbindung in aufrichtiger, lebenslanger Freundschaft, ohne Beeinflussung durch die individuelle politische, weltanschauliche und religiöse Orientierung. Diese Attribute sind wohl auch jene Ingredienzien, die eine Entwicklung zu charakterfesten, verantwortungsbewussten und auch toleranten Persönlichkeiten führt.

Ich habe zwar nie eine Mensur geschlagen, sondern andere Wege der Selbstüberwindung gesucht und auch gefunden. Ein Weg, der mich in der Jugend geprägt hat und mir seither vor allem im beruflichen Leben gute Dienste erweist, war das Schispringen, das in gewisser Weise doch Ähnlichkeiten mit einer Mensur hat:

Ich lernte dabei dreierlei:

. Erstens, dass man sich überwinden muss, um einen Sprung zu wagen.
. Zum zweiten erlernte ich die Konzentration auf das, was man gerade tut,
. und drittens ist bei dieser Sportausübung ein hinreichendes Maß an Körperbeherrschung erforderlich, getragen durch eine physische Lockerheit einerseits und eine psychische Anspannung andererseits.

All das und andere mehr sind Eigenschaften, die sich im Berufsleben, aber auch im privaten Bereich als sehr nützlich herausstellen:

. Herausforderungen annehmen, das Risiko schnell abschätzen, Entscheidungen ebenso rasch treffen und zu diesen auch stehen.
. Auf Probleme ganz bewusst zugehen und ihnen gar keine Chance zu geben, so richtig erwachsen zu werden.
. Den Mut zum aufrechten Gang üben und nicht am Rock des jeweils Mächtigen kuscheln.
. Dinge beim Namen nennen, Aussagen nicht bis zur Unkenntlichkeit verbrämen und hinter einem Paravent diplomatischer Floskeln verstecken, ganz nach dem Motto „Es ist sehr viel besser unangenehme Wahrheiten auszusprechen als angenehme Unwahrheiten salbungsvoll von der Kanzel zu verkünden“.

Meine Damen und Herren, die Vergangenheit ehren, die Gegenwart beklagen und die Zukunft fürchten – das war Erzherzog Johanns Sache nicht und sollte auch unsere Sache wohl nicht sein. Und wenn wir in schwierigen Zeiten wie diesen Gefahr laufen, den Mut zu verlieren und sich unser Blick eher rückwärts als vielmehr vorwärts wendet, dann sollten wir uns ganz bewusst unserem gemeinsamen Visionär und Wegbereiter besinnen.

4. Dank

Meine sehr geehrten Damen und Herren, trotz so mancher Unzulänglichkeiten in unserem Land haben wir zu danken wohl täglich Anlass, sehr viel mehr als nur zu bitten, wie ich meine. Zu danken, in ein wunderschönes Land hineingeboren worden zu sein. Ein Land, das den Frieden lebt und weltweit mannigfaches Vorbild ist. In einem Land leben zu dürfen, das reich ist an Geschichte, Kultur und Tradition, in einem Land, das schwere Zeiten überwunden hat, das jedoch gelernt hat Toleranz zu leben, in einem Land, das auch Gegensätzen Heimat bietet:

Unser wahrlich wunderschönes Österreich, eingebettet in einem vereinten Europa in dem wohl mit Abstand attraktivsten aller Kontinente. Ein Land, um das uns die Welt um uns herum zu Recht beneidet.

Und wenn die Bundeshymne mit „Heimat bist Du großer Söhne, Volk begnadet für das Schöne“ unser Land mit Ruhm besingt, dann sind wir auch angehalten, einen Blick zurück zu tun. Wir tun gut daran, uns unserer Vorfahren zu erinnern, die in unermesslich schwierigen Zeiten gewaltige Leistungen erbracht haben, auf welchen wir nun aufbauen dürfen. Unsere Vorfahren haben das Feuer entfacht, an dem wir uns nun erwärmen dürfen, ein Feuer, das wir aber wohl auch schüren müssen. Ich hoffe, Sie alle haben das Rufzeichen gehört!

Ja, unsere Vorgängergenerationen haben unserem Land einen materiellen Wohlstand verschafft, der weltweit seinesgleichen sucht. Dem materiellen Reichtum folgt jedoch mitunter Eitelkeit, gepaart mit geistiger Verarmung. Karl Kraus hat das einmal sehr treffend formuliert, indem er meinte: „Der Erfolg steigt dann zu Kopfe, wenn der dazu benötigte Hohlraum vorhanden ist.“

Die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft darf sich daher nicht auf eine weitere materielle Vermehrung beschränken, sondern muss höhere Ziele anstreben. Ich jedenfalls meine, dass wir gut beraten wären, dem erreichten materiellen Wohlstand in Zukunft vermehrt den geistigen folgen zu lassen.

Sehr geehrte Damen und Herren, wenn man das so hervorragend Vorbereitete weiter bearbeiten darf, dann hat man wohl auch die Veranlassung, seine geschenkten Talente und erworbenen Fähigkeiten bestmöglich zum Wohle der Gesellschaft einzubringen und nicht nur am Puls von Raum und Zeit zu leben, sondern diesen auch maßgeblich mit zu gestalten.

Ja, wenn man vom Glück so sehr begünstigt ist, dann hat man wahrlich Grund, Dank zu sagen, vor Gott zu knien und nicht vor dem Zeitgeist und Dankbarkeit als das Gedächtnis unseres Herzens auch zu üben. Und ich meine, dass gerade eine Feierstunde wie diese Anlass gibt, sich dieser so positiven Attribute unseres Lebens in unserem Land zu dieser Zeit bewusst zu besinnen.

Und ich darf Sie alle bestärken, auch weiterhin ein wohltuend sich ergänzendes, vorbildhaftes Miteinander in Ihrem Corps zu pflegen und dieses im festen Glauben an unsere Heimat Österreich auch weiter zu befördern.

Ein Stiftungsfest wie das Ihre und das 150. dieser Art noch dazu, ist Ausdruck der Besinnung auf die Werte einer Gemeinschaft, die Ideale hoch hält – und ich beeile mich hinzuzufügen – Gott sei Dank unbeirrt vom jeweiligen Zeitgeist – noch immer hoch hält. Ein Stiftungsfest ist aber auch ein Fest im wahrsten Sinne des Wortes und somit ein Ausdruck gemeinsamer und damit geteilter Freude.

Herzlich gratuliere ich dem Akademischen Corps Joannea zu seinem 150-jährigen Bestehen. Ich wünsche Ihnen, stellvertretend für die gesamte Technische Universität Graz, ein wunderschönes Stiftungsfest in angenehmer Atmosphäre mit guten Gesprächen und hoffe, dass wir auch weiterhin den Joanneischen Geist mit wertvollem Leben erfüllen – die TU Graz und das Akademische Corps Joannea gleichermaßen.

Ich danke Ihnen.

O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Hans Sünkel
Rektor der Technischen Universität Graz

Graz, am 24. Juni 2011

Veröffentlicht am 12. Juli 2011

 
 

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